Anne bietet Familien- und Sexualtherapie an.
Kannst du uns einen Einblick in deine Arbeit geben, insbesondere in die Beratungsformen, die du anbietest?
Bei mir findet man genau das, was mein Name verspricht: Eine Beratungs Vielfalt!
Im Bereich der Familienberatung spreche ich neben den Entwicklungsherausforderungen von Kindern, auch Eltern und Patchworkfamilien an. Das Spektrum der Themen reicht von Unsicherheiten bei der sexuellen Aufklärung der eigenen Kinder über Konflikte aufgrund unterschiedlicher Erziehungseinstellungen bis hin zu Elternschafts-Bereuen und Überforderung, Mental-Load-Verteilung und den alltäglichen Herausforderungen des Familienlebens. Hier stehen für mich immer die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Mittelpunkt.
In der Paarberatung nehmen in der Regel beide Partner*innen teil (Einzeltermine sind jedoch ebenfalls möglich) und die Sitzungen dauern 90 Minuten, da beide Seiten Raum für Gespräche benötigen. In der Sexualberatung hingegen kommen Einzelpersonen. Hier dauert eine Sitzung 60 Minuten. Die Paarberatung wird oft als die "Königsdisziplin" der Beratungen angesehen, da du hier natürlich neben dem direkten Gesprächsfluss zu mir auch noch den Austausch (verbal oder nonverbal) zwischen den beiden Personen hast. Außerdem können hier auch während einer laufenden Sitzung neue Konflikte und Herausforderungen untereinander auftreten, die dann spontan und individuell aufgegriffen und bearbeitet werden können. Meist wird an neuen wertschätzenden Kommunikationsstrukturen gearbeitet, Vorwürfe benannt und diese in Wünsche umformuliert. Viele Paare haben sich noch nie zuvor gleichzeitig einer Person mit Ihren Herausforderungen geöffnet. Alleine das gemeinsame, respektvolle darüber Sprechen und Aussprechen lassen eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Offene Impulsfragen verändern Perspektiven und schaffen die Aussicht, die Beziehung gemeinsam zu verändern und neu zu definieren.
In der Sexualberatung ist es eine große Herausforderung, dass viele Menschen noch nie zuvor mit einer anderen Person über Ihre Sorgen gesprochen haben. Über viele Themen liegt ein großes Tabu und viel Scham. Der Vorteil an einer externen Beratung ist, dass ich absolut neutral und wertfrei mit den Themen umgehe. Die Fragen eröffnen neue Blickwinkel und Möglichkeiten. Es geht nicht darum, ob ein Verhalten gut oder schlecht ist, sondern herauszufinden, was der Person gut tut und was sie braucht, um sich wohl zu fühlen. In der Beratung definieren wir negative Glaubenssätze und lösen diese. Wir decken Blockaden auf, suchen nach Möglichkeiten der Verhaltensänderung und nutzen bisher unentdeckte Ressourcen.
Zu dem Schwerpunkt "Beziehungs Vielfalt" zählen viele Randbereiche der Paar- und Sexualberatung. Wie öffnen wir unsere Beziehung? Wie gehen wir dann mit Eifersucht um? Wie führen wir eine polyamore Beziehung? Wie oute ich mich?
Die Möglichkeit, nicht-monogam zu leben, wird immer häufiger in Betracht gezogen. Allerdings fehlen uns hier Vorbilder oder Menschen, mit denen wir offen über unsere Gedanken und Gefühle reden können. Deshalb biete ich genau dafür die Möglichkeit in meiner Beratung. Gemeinsam kann die Beziehung dann neu und vor allem auch individuell gedacht werden. Denn sobald du dich außerhalb vom normativen Bereich bewegst, musst du für dich eine komplett neue Beziehungsdefinition erstellen. In der Beratung ist Raum für Diskussionen, Bedürfnisse werden benannt und verglichen, Sorgen und Ängste geteilt und nach Lösungen, die sich für alle Personen gut anfühlen, gesucht.
Welchen Weg hast du bis zur Eröffnung deiner Selbstständigkeit beschritten, und gab es entscheidende Wendepunkte oder Veränderungen in deiner Karriere?
Nach meiner fünfjährigen Ausbildung zur Erzieherin entschied ich mich dazu, in einem sehr freien und offenen Kindergarten in Coburg zu arbeiten. Da hier nach der Reggio-Pädagogik und sehr bedürfnisorientiert gearbeitet wird, machte ich meine erste Weiterbildung zur Reggio-Fachkraft.
Nach einigen Jahren entschied ich mich, Mutter zu werden und bekam im Abstand von zwei Jahren zwei Kinder. Währenddessen machte ich meine Weiterbildung zur Erziehungs- und Entwicklungsberaterin. Einen ziemlichen Wendepunkt stellte für mich die Wochenbettdepression dar, die ich nach der Geburt meines Sohnes erlebte. Hier habe ich angefangen, einiges zu hinterfragen und mich selbst zu verändern. Ich schaute wieder viel mehr auf mich und auf unsere Familie. Durch die neuen Blickwinkel wuchs in mir immer mehr die Idee, mich auch beruflich noch einmal zu verändern. So startete ich meine Ausbildung zur Paar- und Sexualberaterin. Schon währenddessen wusste ich: Das will ich auch wirklich beruflich umsetzen! Und so begann ich im Mai 2023 meine Selbstständigkeit.
Was hat dich dazu bewogen, dich auf Sexual- und Familienberatung zu spezialisieren?
Die Familienberatung ist aus meinem Lebensalltag und meinem Umfeld entstanden. Ich war durch meine eigenen Kinder viel mit Eltern und anderen Familien zusammen. Und durch meinen Beruf erlebte ich auch neben dem Alltag viele unterschiedliche Sorgen und Herausforderungen von Familien.
Mein Wunsch war und ist es, mein Wissen gebündelt weiterzugeben. Über den Kindergartenalltag hinaus, hinein in die privaten Fragen und Sorgen von Eltern. Und hier gleichzeitig auch bedürfnisorientiert und vor allem auch auf Augenhöhe zu handeln. Ich kann die absolute Überforderung und manchmal auch Verzweiflung von Eltern sehr gut nachvollziehen. Und auch diese soll einen Platz in meiner Beratung finden.
Als mein Mann und ich uns damals entschieden unsere Ehe zu öffnen, war das für viele etwas unglaublich neues. Es entstanden immer wieder neue und interessante Fragen. Es gibt kaum Möglichkeiten, um diese beantwortet zu bekommen, gerade wenn du nicht den anonymen Raum des Internets nutzen willst. Ich war oder bin dann automatisch Ansprechpartnerin für Bekannte in meinem Umfeld geworden, habe mich immer tiefer in verschiedene Themenbereiche eingearbeitet. So war die Entscheidung recht schnell getroffen, um hier eine Ausbildung zu absolvieren. Mir macht es auch einfach Spaß, Tabus zu brechen, Dinge offen anzusprechen und über Mythen und ungesunde, sexuelle Glaubenssätze aufzuklären.
Wie gestaltet sich eine typische Sitzung bei dir, und was können neue Klienten erwarten?
Nach einem kurzen Telefonat, in welchem es vor allem um eine kurze Schilderung der aktuellen Herausforderung und um die Terminabsprache geht, vereinbare ich immer erst einmal einen Termin für ein Erstgespräch. Hier wird viel erzählt, denn für mich sind natürlich alle Konflikte und schon gemeisterte Herausforderungen neu. Im Fokus steht hier die aktuelle Situation, der oder die Auslöser dafür, mögliche Ursachen, vorhandene Ressourcen und der gewünschte zukünftige Effekt, den der oder die Klienten sich erhoffen.
Dann arbeiten wir gemeinsam an einer Zielformulierung. Wir ordnen nach Dringlichkeit und Schwerpunkten, sodass auch für mich ein ganz klarer Arbeitsauftrag entsteht.
Immer wieder evaluieren wir dann auch, was wir erreicht haben und ob dieses Ziel noch aktuell ist, oder sich im Laufe der Beratung neue Punkte ergeben haben und das Ziel so neu formuliert werden muss.
Für viele Menschen ist es das erste Mal, sich überhaupt vor einer fremden Person so persönlich zu öffnen. Da ich sowohl der Person, als auch dem jeweiligen Thema neutral gegenübertrete, also nicht verurteile oder mich auf eine Seite schlage, entsteht hier die Möglichkeit ungezwungen und absolut echte und authentische Lösungen zu suchen.
Mit welchen Hauptproblemen und Herausforderungen siehst du Familien und Paare konfrontiert?
Familien haben vor allem oft Herausforderungen innerhalb Ihres Systems. Damit ist das soziale Umfeld jedes Individuums gemeint. Zum Beispiel Konflikte mit der Schwiegerfamilie oder Einmischung der Herkunftsfamilie bei Trennungsentscheidungen. Doch auch Überforderung von Eltern, vor allem Müttern, oder Herausforderungen in Patchworkfamilien und daher einhergehende Unsicherheiten bei Erziehungsfragen stehen oft im Fokus.
Viele Paare kommen leider erst dann, wenn schon viele gegenseitige Verletzungen passiert sind. Umso schwerer ist es natürlich, Ressourcen zu entdecken und Lösungen zu finden. Am häufigsten haben Paare Schwierigkeiten, friedvoll miteinander zu sprechen. Es stehen viele Vorwürfe und Interpretationen des Verhaltens des jeweils anderen im Raum. Doch auch Außenbeziehungen, sexuelle Lustlosigkeit, Unzufriedenheit im Alltag und die Schwierigkeit, auch im stressigen “Familienstruggle” ein Liebespaar zu bleiben, sind die häufigsten Themen in meiner Beratung.
Wie gehst du mit der Skepsis von Familienmitgliedern um und wie ermutigst du Menschen, sich zu öffnen?
Einer der wichtigsten Sätze in meiner Ausbildung war wohl "Als Paartherapeut darfst du den Tod nicht fürchten". Was für mich bedeutet: Auch einmal in unangenehme Situationen verbal eingreifen, Stille lange aushalten, bis sie fast zu intensiv wird und vor allem, ehrlich und authentisch reagieren. Ansprechen, was ich sehe, höre oder auch welche Stimmung ich fühle. Ein "Sie sind hier um an sich zu arbeiten, dafür brauche ich Ihre Mithilfe, sonst wird das nichts.", kann viel bewirken. Ich spiegle das Verhalten oder die Aussagen meines Gegenübers. Da kann ein "Frau Müller, wenn Sie sich wegdrehen und die Arme verschränken, wirkt das auf mich so, als ob es Sie verärgert, was Ihr Mann sagt. Stimmen Sie mir hier zu?" viele neue Gespräche eröffnen. Jeder Mensch muss und wird gesehen und ernst genommen. So wird jedem die Möglichkeit gegeben, sich zu äußern, ohne direkt verurteilt zu werden. Das ist denke ich ein unglaublich wichtiger Punkt. Zu spüren, hier gibt es kein richtig oder falsch. Alles, was hier gesagt, gefühlt oder erlebt wird, ist richtig und wichtig.
Wie unterstützt du Familien und Paare dabei, ihre erzielten Fortschritte beizubehalten und weiterzuentwickeln?
Es ist immer wieder wichtig in der Sitzung deutlich zu machen, dass Sie das hier nicht für mich, sondern nur für sich tun. Alles, was Sie wirklich umsetzen und anwenden, hat Auswirkungen auf Ihr Leben. Das ist Ihre Chance, denn Sie sind genau mit der Intention gekommen, etwas aktiv zu verändern.
Es gibt auch keinen "Ärger", wenn etwas nicht erledigt wurde, das wäre wenig zielführend. Wichtiger ist es, genauer hinzuschauen, warum es nicht funktioniert hat. Lag es am Drumherum, dann können wir noch einmal schauen, wann es sich besser anbietet. Oder war die Intervention oder Aufgabe für dieses Paar oder Familie zu diesem Zeitpunkt nicht das Richtige. Dann wird weiter beobachtet, gesprochen und gefragt, bis wir zu einer neuen Erkenntnis gelangt sind. Die erhofften Veränderungen müssen Alltagstauglich sein. Sonst macht es wenig Sinn, wenn bei mir in der Praxis wunderbar wertschätzende Wünsche formuliert werden können, aber im stressigen Alltag wieder auf die gängigen Vorwürfe zurückgegriffen wird.
Hausaufgaben, Reflexionsfragen, Gefühlskarten für zu Hause und gemeinsam formulierte Ziele, die immer wieder evaluiert werden, helfen, Veränderungen auch langfristig beibehalten zu können. Und vor allem das Verständnis füreinander. Das stärkt das Vertrauen, es gemeinsam schaffen zu wollen.
Was ist das übergeordnete Ziel deiner Arbeit?
Ich sehe mich als neutrale Begleitung bei Herausforderungen, die alleine nicht mehr lösbar sind. Die Personen in meiner Beratung nennen ihr ganz individuelles Ziel und ich begleite sie auf dem Weg dorthin. Jeder und jede Person kann das ausprobieren, was sich gut anfühlt und dann in sein oder ihr Leben integrieren. Mein Ziel ist es, Menschen zu neuen Lösungsmöglichkeiten zu motivieren und ein Stück weit "hinter" das Problem zu schauen. Sich mit seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen und sich selbst und das, was man eigentlich will, besser zu verstehen.
Es geht also nicht um trennen oder bleiben, um gut oder schlecht. Mir geht es darum, für die Sorgen meiner Klient*innen da zu sein, diese ernst- und anzunehmen und sie bei der Suche nach einer individuellen Lösung zu unterstützen.